Krisenbewältigung und Stabilisierung

Von einer psychische Krise oder eine Krisensituation spricht man im psychosozialen Bereich dann, wenn ein durch ein überraschendes Ereignis oder akutes Geschehen – was bei gewalttätigen Übergriffen immer gegeben ist –  hervorgerufener schmerzhafter seelischer Zustand oder Konflikt innerhalb einer Person (innerpsychische Krise) oder zwischen mehreren beteiligten Personen auftritt. Die betroffene Person sieht sich Hindernissen auf dem Weg zur Erreichung wichtiger Lebensziele oder bei der Alltagsbewältigung gegenüber und kann diese nicht mit ihren gewohnten Problemlösungsmethoden bewältigen.

 


Eine Krise in diesem Sinne äußert sich als plötzliche oder fortschreitende Verengung der Wahrnehmung, der Wertesysteme sowie der Handlungs- und Problemlösungsfähigkeiten. Eine Krise stellt bisherige Erfahrungen, Normen, Ziele und Werte in Frage und hat oft für die Person einen bedrohlichen Charakter. Sie ist zeitlich begrenzt.

Bei geringeren psychischen Auswirkungen zeigt sich die häufigste Art der Krisenbewältigung darin, dass betroffene Menschen entweder auf ihre eigenen Selbstheilungskräfte vertrauen können oder auch in ihrem persönlichen Umfeld durch Familie und Freunde in ihrer Krisenbewältigung unterstützt werden. Auch können in Krisen neue Fähigkeiten entdeckt oder „wiederbelebt“ werden, die oft in künstlerischen Arbeiten zum Ausdruck kommen.

Bei intensiveren psychischen Problemen, die durch Gewalterleben gerade im häuslichen Bereich ausgelöst werden, ist es dagegen nicht nur ratsam, sondern auch notwendig, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bisherige Bewältigungs-muster funktionieren oftmals nicht mehr, da die Betroffenen völlig aus dem Gleichgewicht geraten und sich damit handlungsunfähig fühlen.

Die Schwierigkeit dabei ist oftmals, neben dem essentiellen Bedürfnis nach Stabilisierung und innerer Sicherheit auch die äußere Sicherheit nicht aus dem Auge zu verlieren. Gewaltopfer stehen meistens unter massivem Druck, da sie in einem bestimmten zeitlichen Rahmen zivil- oder strafrechtliche Maßnahmen einleiten oder gar die Flucht ins Frauenhaus vorbereiten müssen; zu einem Zeitpunkt, an dem sie keinerlei innere Stabilität mehr fühlen.


Das Erleben von Gewalt verbannt man aus dem Bewusstsein – das ist eine normale Reaktion. Bestimmte persönliche Verletzungen sind einfach zu schrecklich, als dass man sie laut aussprechen könnte; daher auch der Ausdruck „unsagbar“. Auch wenn der Wunsch jedes von Gewalt betroffenen Menschen groß ist, das Schreckliche zu verleugnen, so steht dennoch die Gewissheit dagegen, dass dies unmöglich ist. Die Erinnerung an furchtbare Ereignisse und das Aussprechen dieser sind Vorbedingungen für die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung, für die Genesung der Opfer. Die via – Beratungsstelle bietet hierfür einen ersten sicheren Rahmen.

Das Erleben jeglicher Art von Gewalt stürzt das Opfer nicht nur in eine tiefgreifende Krise, in ein Gefühl von Ohnmacht und absoluter Hilflosigkeit, es verursacht in vielen Fällen auch ein Trauma.

Deistler und Vogler (2002) verstehen unter einem psychischen Trauma „das Ergebnis psychischer Prozesse, die auf ein traumatisierendes Ereignis folgen. Traumatische Erfahrungen sind mit Ereignissen verbunden, die außerhalb des Rahmens normaler menschlicher Erfahrungen liegen und die für fast jeden Menschen seelisch belastend und qualvoll sind. Wenn also eine Erfahrung so extrem und existenziell bedrohlich ist, dass unsere normalen psychischen Schutzmechanismen nicht mehr ausreichen, um dieses Erlebnis zu bewältigen und zu verarbeiten, entsteht ein psychisches Trauma“.

Auf welche Weise Menschen ein Trauma körperlich, emotional oder psychologisch letztlich überleben, hängt im entscheidenden Maße davon ab, ob die Menschen in ihrem Umfeld, auf die sie vertrauen und sich verlassen können, ihnen mit Liebe, Unterstützung und Ermutigung beistehen. „Feuer kann wärmen oder verzehren, Wasser kann Durst löschen oder ertränken, Wind kann streicheln oder schneiden. Und so ist es auch mit menschlichen Beziehungen: wir können einander sowohl erschaffen als auch zerstören, sowohl fördern als auch terrorisieren, sowohl traumatisieren als auch heilen.“¹

¹ Bruce D. Perry, „Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde“, S. 16, Z.12f.

 


Die via – Beraterinnen sehen es daher als eine ihrer Hauptaufgaben in der täglichen Arbeit mit den KlientInnen an, eben diesen Heilungsprozess vorzubereiten und ein Stück weit zu begleiten. Neben den ausführlichen Informationen zum Gewaltschutzgesetz oder anderen notwendigen Sicherheitsmaßnahmen, ist es, wie schon erwähnt, in vielen Fällen erst einmal notwendig, der betroffenen Person Stabilisierung zu bieten.

Ziel der Stabilisierungsphase und somit auch basale Voraussetzung für die Heilung ist die Sicherheit, im Außen wie im Innen.

Zunächst braucht es eine vertrauensvolle Beziehung zur Beraterin, die in ihrer Arbeit und Begleitung verlässlich und vorhersagbar sein muss. Nichts darf willkürlich oder überstürzt passieren. Zuverlässigkeit und Transparenz bedeuten Kontrolle und Wahlmöglichkeit für die hilfesuchende Person im Gegensatz zu dem traumatischen Kontrollverlust. Eine neue gute Beziehungserfahrung in Beratung und Therapie ist die Voraussetzung, um alte destruktive Bindungen überhaupt realisieren und allmählich aufgeben zu können. Das Beziehungsangebot muss aktiv und warmherzig sein, aber so viel Eigenverantwortung und Aktivität wie möglich von der KlientIn selbst fordern und fördern, um unkontrollierte Regression und damit weitere Destabilisierung zu vermeiden.

 


Was die Sicherheit im Außen betrifft, so ist an anderer Stelle bereits auf das Gewaltschutzgesetz bzw. Frauenhaus hingewiesen worden. Neben dem Faktor Gewalt kommen oftmals noch andere belastende Faktoren wie Scheidung, Umgangsregelungen bezüglich gemeinsamer Kinder, Umzug, Schulden oder körperliche Krankheiten hinzu. Die Begleitung und Unterstützung in diesen Angelegenheiten hat stets Vorrang vor jeder inneren Arbeit oder gar Trauma-Konfrontation.

Bei der inneren Sicherheit geht es viel um kognitives Wissen. So ist es beispielsweise für viele KlientInnen wichtig zu hören, dass Traumafolgen zunächst normale Reaktionen auf einen erlittenen Schockzustand sind, die jeder Mensch in solch einer extrem belastenden Situation zeigen würde. Das Wissen darum beruhigt und gibt Hoffnung. Die Arbeit an der inneren Sicherheit kann mit dem Packen eines inneren Sicherheitskoffers verglichen werden. Die KlientIn soll befähigt werden, diesen „Koffer“ überall für sich verfügbar zu haben und ihn selbständig für sich zu nutzen. So lernt die KlientIn mit der Zeit Strategien, wie sie sich in Stresssituationen besser regulieren kann, sie lernt Trigger zu erkennen und Flashbacks somit rechtzeitig zu stoppen und schließlich den Umgang mit traumatischem Material zu kontrollieren.

Zusammenfassend sind also die Ziele der ersten Phase der Sicherheit und Stabilisierung

– Wiedergewinnen der Selbstkontrolle
– Stärkung des Selbstmanagements
– Reduzieren von Vermeidungsverhalten
– Nutzung des kreativen Ressourcenpotentials
– Selbstberuhigung und Selbsttröstung
– Reduktion des traumatischen Stress
– Förderung von Kontrolle und Wahlmöglichkeiten sowie Selbstregulation und Alltagsstabilität

Wie weit die Unterstützung in der Krisenbewältigung und Stabilisierung reicht, hängt in großem Maße von der Dauer der Klientenbegleitung ab. Manche Hilfesuchenden kommen nur ein einziges Mal, während andere das Bedürfnis haben, sich längerfristig anzubinden. Im Hinblick auf die äußere Sicherheit, werden die KlientInnen beim ersten Beratungstermin grundsätzlich mit den notwendigsten Informationen zum Gewaltschutzgesetz bzw. weiteren Sicherheitsmaßnahmen versorgt. Neben juristischer wie ärztlicher Hilfe ist auch die Suizidabklärung mit der KlientIn von entscheidender Bedeutung.

Kommt es zu weiteren Gesprächen, so wird in der Regel der vertrauensvolle Rahmen dafür genutzt, verstärkt mit der Klientin/ dem Klienten in die Stabilisierungsarbeit und die Aufarbeitung der Gewalterfahrung einzusteigen mit dem Ziel, einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS bzw. PTSD) entgegen zu wirken. Haben die Misshandlungen über Jahre angedauert, lebt die Klientin/ der Klient zudem mit extrem belastenden Kindheitserinnerungen oder entwickelt sich aus der Belastungsreaktion schließlich doch eine Belastungsstörung, so kann gegebenenfalls eine Weitervermittlung zu einer ambulanten oder auch stationären Traumatherapie stattfinden.