Beratung

Durch die Polizei und Justiz wird ein klares Signal an den Täter und die Gesellschaft gesetzt, dass häusliche Gewalt keine Privatsache ist und vom Staat nicht toleriert, sondern verfolgt wird.

Zugehende Erstberatung bei Gewalt – der pro – aktiver Ansatz

In der telefonischen Beratung, insbesondere zur Thematik des Gewaltschutzgesetzes, findet der pro-aktive Ansatz bei via – Wege aus der Gewalt seine Anwendung. Die Vorgehensweise der telefonischen Kontaktaufnahme durch die Beratungsstelle ist für die Zielgruppe der Gewaltopfer noch recht neu.

Die ambulante Beratung im Bereich „häuslicher Gewalt“ war bisher durch eine Komm-Struktur geprägt. Die Entscheidung, Hilfsangebote anzunehmen, lag dabei ausschließlich bei der Frau. Aufgrund der hohen Dunkelziffer im Bereich häuslicher Gewalt wird vermutet, dass viele Gewaltopfer bisher keine Beratungsangebote beanspruchen. Als Gründe hierfür sind einerseits die noch immer vorhandene gesellschaftliche Tabuisierung häuslicher Gewalt und andererseits die individuelle Verstrickung innerhalb der Gewaltspirale zu benennen.

Der pro-aktive Ansatz stellt eine Errungenschaft in der frauenspezifischen Sozialarbeit dar und ist somit eine Weiterentwicklung sowie Ergänzung der bisherigen Beratungspraxis. Im psychologischen Erklärungsmodell für die Notwendigkeit der pro-aktiven Tätigkeit wird die Hypothese aufgestellt, dass Traumatisierung aufgrund jahrelanger Misshandlung die selbständige Kontaktaufnahme zum Hilfesystem durch das Gewaltopfer beeinträchtigt oder gänzlich verhindert. Der pro-aktive Ansatz beinhaltet einen zugehenden Erstkontakt durch die Beratungsstelle, so dass die Gewaltopfer eine abwartende Haltung einnehmen können und zunächst selbst keine Entscheidungen treffen müssen.

 


Nach dem Polizeieinsatz und der Intervention der Wegweisung wird die Beratungsstelle per Fax über den akuten Einsatz in Kenntnis gesetzt.

Die Gewaltopfer unterschreiben direkt beim Polizeieinsatz oder zu einem späteren Zeitpunkt, beim Beauftragten häuslicher Gewalt, eine Einverständniserklärung, dass die Anlaufstelle pro-aktiv Kontakt aufnehmen darf. Der Polizeieinsatz macht die Gewalt gegen Frauen und Kinder erstmals öffentlich, Hilfsangebote können zu dieser Zeit verstärkt angenommen werden. Die Kontaktaufnahme erfolgt vor dem Rückzug in die Privatheit und den Alltag.

Erhält die Beraterin bei via ein Fax, so versucht sie möglichst noch am selben Tag, spätestens jedoch am nächsten Arbeitstag, die Frau telefonisch zu erreichen. Die pro-aktive Kontaktaufnahme gestaltet sich oftmals schwierig und zeitaufwendig – viele Frauen sind beispielsweise wegen Arztterminen nicht zuhause, sie besitzen kein Handy oder haben es aus Angst ausgeschaltet.

In den meisten Fällen erreicht die Anlaufstelle via die Frauen dennoch telefonisch, die ersten Reaktionen auf den Anruf sind in der Regel positiv:

„ich hatte Angst und war unsicher,…wollte nur noch meine Ruhe haben,…über den Anruf war ich erstaunt und irgendwie auch erleichtert,…die nehmen mich ernst und ich bekomme Hilfe“ (beratene Frau, 32 Jahre)

„einen Antrag auf Wohnungszuweisung hätte ich sowieso gestellt, aber nicht so schnell,…dass der Platzverweis nur 10 Tage andauert hatte ich in der Aufregung vergessen“(beratene Frau, 19 Jahre)

Kann via eine Frau telefonisch nicht erreichen, so erhält diese als Hilfsangebot einen Brief zugestellt. Zudem erfolgt eine Rückmeldung an die Polizei mit der Bitte um Information, inwieweit die Frau in nächster Zeit dort erreichbar ist.

Der pro-aktive Ansatz hat sich vor allem auch bei Migrantinnen und Aussiedlerinnen bewährt. Die Gewaltopfer wenden sich oftmals aufgrund von Sprachschwierigkeiten oder kulturellen Gegebenheiten nicht eigenständig an eine Beratungsstelle. via arbeitet in diesen Fällen eng mit Dolmetscherinnen zusammen, um Frauen spezifisch unterstützen zu können.

 


Der pro-aktive Ansatz wird erfolgreich angewandt, via – Wege aus der Gewalt wird von den Klientinnen gut angenommen.

Die Anlaufstelle via erreicht die Klientinnen zu 85% telefonisch und in 90% der Telefonate möchte eine Frau auch beraten werden.
Das persönliche Gesprächsangebot zur detaillierten Entscheidungsfindung wird gerne von etwa jeder dritten Frau in Anspruch genommen.

Als Fazit zur Umsetzung des pro-aktiven Ansatzes bei der Anlaufstelle via – Wege aus der Gewalt können abschließend folgende vier Punkt zusammengefasst werden:

  • Der pro-aktive Ansatz hat sich in der Beratungspraxis bewährt, ist jedoch sehr zeitintensiv.
  • Eine positive Bewertung erfolgt durch die Polizei, die Justiz, das Hilfesystem sowie durch die Klientinnen.
  • Es bedarf einer zentralen Koordination der einzelnen Interventionen, via – Wege aus der Gewalt agiert in diesem Zusammenhang als Interventionsschaltstelle. Das Ziel ist die Optimierung von Vernetzung und Kooperation.
  • Eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit und das Angebot von gewaltspezifischer Fortbildung für die unterschiedlichen Arbeitsbereiche sind dringend notwendig.